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papst franziskus-1.jpgVon Korea.net / Korean Culture and Information Service (Photographer name), CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34809703

pax christi

menschen machen frieden - mach mit.

Unser Name ist Programm: der Friede Christi. 

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. 

» Alle Informationen zur Deutschen Sektion von pax christi

Papst Franziskus fordert Atomwaffenverbot

26. Apr 2017

Botschaft Seiner Heiligkeit Papst Franziskus an die Konferenz der Vereinten Nationen zur Verhandlung eines rechtsverbindlichen Dokuments zum Verbot von Nuklearwaffen, das zu ihrer vollständigen Vernichtung führt

INOFFIZIELLE ÜBERSETZUNG 

Ihrer Exzellenz Elayne Whyte Gómez,
Präsidentin der Konferenz der Vereinten Nationen
zur Verhandlung eines rechtsverbindlichen Dokuments
zum Verbot von Nuklearwaffen, das zu ihrer vollständigen Vernichtung führt

Sehr herzlich grüße ich Sie, Frau Präsidentin, und alle Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Nationen, internationalen Organisationen und der Zivilgesellschaft, die an dieser Konferenz teilnehmen. Ich möchte Sie ermutigen, sich entschlossen für die Schaffung der notwendigen Bedingungen für eine Welt ohne Atomwaffen einzusetzen.

Am 25. September 2015 habe ich bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen betont, dass die Präambel und der erste Artikel der Charta der Vereinten Nationen auf die Grundsteine des internationalen Rechtssystems hinweisen: Friede, friedliche Lösung von Konflikten und Entwicklung von freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Nationen. Eine Ethik und ein Recht, die auf der Bedrohung gegenseitiger Zerstörung – und möglicherweise der Zerstörung der gesamten Menschheit – beruhen, stellen einen Widerspruch zum gesamten Gefüge der Vereinten Nationen dar. Man muss sich daher für eine Welt ohne Atomwaffen einsetzen, indem man den Nichtverbreitungsvertrag dem Buchstaben und dem Geist nach gänzlich zur Anwendung bringt (siehe Ansprache vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York, 25. September 2015).

Doch warum setzen wir uns dieses anspruchsvolle und zukunftsweisende Ziel angesichts der gegenwärtigen internationalen Lage, die von einem instabilen und konfliktträchtigen Klima gekennzeichnet ist, welches sowohl Ursache als auch Hinweis auf die Schwierigkeiten ist, auf die wir stoßen, wenn wir den Prozess der nuklearen Abrüstung und der nuklearen Nichtverbreitung vorantreiben und verstärken wollen?

Wenn wir den hauptsächlichen Bedrohungen des Friedens und der Sicherheit mit ihren vielen Dimensionen in dieser multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen wollen, wie z. B. Terrorismus, asymmetrische Konflikte, Cyberkriminalität, Umweltprobleme und Armut, entstehen nicht wenige Zweifel hinsichtlich der Unzulänglichkeit der nuklearen Abschreckung als wirksame Antwort auf diese Herausforderungen. Diese Bedenken werden noch verstärkt, wenn es um die katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt geht, die ein Einsatz von Atomwaffen mit unterschiedslos verheerenden und unbeherrschbaren Auswirkungen in seiner zeitlichen und räumlichen Tragweite verursachen würde. Anlass zur Besorgnis gibt auch die Vergeudung von Mitteln für militärische atomare Zwecke, die stattdessen für wertvolle Prioritäten wie Friedensförderung, ganzheitliche menschliche Entwicklung, Kampf gegen die Armut und die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung eingesetzt werden könnten. Wir müssen uns auch fragen, wie nachhaltig Stabilität sein kann, die auf Angst basiert, wenn diese in der Tat immer mehr Angst erzeugt und die Vertrauensbeziehungen zwischen den Völkern aushöhlt.

Der Frieden und die Stabilität auf der Welt können nicht auf dem trügerischen Gefühl der Sicherheit basieren, auf der Bedrohung durch gegenseitige Zerstörung oder totale Vernichtung bzw. auf der Aufrechterhaltung des politischen Gleichgewichts. Frieden kann nur auf der Grundlage von Gerechtigkeit, ganzheitlicher menschlicher Entwicklung, Achtung der grundlegenden Menschenrechte, Bewahrung der Schöpfung, Teilhabe aller Menschen am öffentlichen Leben, Vertrauen zwischen den Völkern, Unterstützung friedlicher Institutionen, Zugang zu Bildung und Gesundheit sowie Dialog und Solidarität aufgebaut werden. Wir müssen daher die atomare Abschreckung hinter uns lassen: Die internationale Gemeinschaft ist aufgerufen, zukunftsweisende Strategien zu erarbeiten, um Frieden und Stabilität zu fördern und kurzsichtiges Denken bei der Lösung der Probleme im Umfeld nationaler und internationaler Sicherheit zu vermeiden. 

In diesem Zusammenhang ist das Endziel der vollständigen Abschaffung der Atomwaffen sowohl eine Herausforderung als auch ein moralischer und humanitärer Imperativ. Ein konkreter Ansatz wäre, die Reflexion über Friedensethik sowie multilaterale und kooperative Sicherheit zu fördern, die über die in vielen heutigen Debatten herrschende Angst und den Isolationismus hinausreicht. 

Für eine Welt ohne Atomwaffen braucht es einen langfristigen Prozess, der auf der Erkenntnis fußt, dass mit Blick auf eine ganzheitliche Ökologie „alles miteinander verbunden ist“ (siehe Laudato Sí, 117, 138). Das gemeinsame Schicksal der Menschheit erfordert eine pragmatische Stärkung des Dialogs sowie den Aufbau und die Konsolidierung von Vertrauens- und Kooperationsmechanismen, die imstande sind, Bedingungen für eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen.

Die zunehmende wechselseitige Abhängigkeit und die Globalisierung bedürfen einer koordinierten und gemeinsamen Antwort auf die Bedrohung durch die Nuklearwaffen, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Dieses Vertrauen kann nur durch einen Dialog aufgebaut werden, der auf das Gemeinwohl und nicht auf die Wahrung verdeckter oder einzelner Interessen ausgerichtet ist; ein solcher Dialog muss nach Möglichkeit alle einschließen:  Länder mit und ohne nukleares Arsenal, den Militär- und den Privatsektor, Religionsgemein-schaften, die Zivilgesellschaften und internationale Organisationen. Dabei müssen wir alle Arten von gegenseitigen Beschuldigungen und Polarisierungen unterlassen, da diese den Dialog behindern statt ihn zu begünstigen. Die Menschheit besitzt die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen; wir haben die Freiheit, den Verstand und die Befähigung, um die Technologie zu lenken, unserer Macht Grenzen zu setzen – und all dies in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist (siehe ibid., 13, 78, 112;  Botschaft an die 22. „Conference of the Parties“ (COP22) UNO-Klimakonferenz 2016, 10. November 2016).

Im Rahmen dieser Konferenz soll ein Vertrag ausgehandelt werden, der von ethischen und moralischen Argumenten beseelt ist. Das ist eine Übung in der Hoffnung und es ist mein Wunsch, dass das Treffen auch ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer Welt ohne Nuklearwaffen bedeuten möge. Auch wenn das ein erheblich komplexes und langfristiges Ziel ist, ist es nicht außerhalb unserer Reichweite.

 

Frau Präsidentin, ich wünsche mir von Herzen, dass die Konferenz fruchtbar verläuft und einen wirkungsvollen Beitrag zu einer gefestigten Friedensethik sowie einer multilateralen und kooperativen Sicherheit leistet, die die Menschheit heute dringend braucht. Ich erbitte für alle, die bei der Konferenz versammelt sind, und für alle Bürgerinnen und Bürger der Länder, die sie vertreten, den Segen des allmächtigen Gottes.

 

Franziskus

Vatikan, 23. März 2017

 

 

Übersetzung aus dem Englischen von Diplom-Übersetzerin Marion Wittine, pax christi Diözesanverband München & Freising