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Selig sind, die Frieden stiften

25. Jun 2015

Vortrag von Father John Dear über seine Spiritualität des gewaltlosen Widerstands

Mit 21 Jahren beschloss John Dear gegen den Willen seiner Eltern, Priester zu werden. Seit mehr als 30 Jahren setzt sich der heute 55jährige US-Amerikaner nun unermüdlich für Frieden und Gerechtigkeit ein und hat eine Spiritualität des gewaltlosen Widerstands entwickelt, die er den 30 Zuhörern am vergangenen Mittwoch, 24. Juni, auf Einladung von pax christi München und Freising im EineWeltHaus in München darlegte.

Das Schlüsselerlebnis für seine Berufung hatte er 1982 bei einer Pilgerreise durch das Heilige Land. In einer Kapelle am See Genezareth las er überwältigt die auf den Wänden geschriebenen Seligpreisungen Jesu. Er fragte Gott: „ Soll ich auch ein Friedensstifter werden?" – und bat ihn um ein Zeichen. In diesem Moment tauchten am Himmel drei israelische Kampfjets auf und warfen ihre Bomben über dem Libanon ab. Genau zu diesem Zeitpunkt fasste John Dear den Entschluss, sich sein Leben lang für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.

75 Mal wurde er für seine gewaltlosen Aktionen zivilen Ungehorsams inhaftiert, neun Monate verbrachte er bei seiner längsten Haftstrafe in einer winzigen Gefängniszelle. Nach dem 11. September 2001 tröstete er am Ground Zero die Hinterbliebenen gemeinsam mit 600 weiteren Geistlichen. Er  organisierte zahlreiche Demonstrationen gegen die Kriege der USA. Dann wurde er als Priester in New Mexico eingesetzt, ausgerechnet dort, wo sich – in Los Alamos – die bedeutendsten Rüstungsschmieden für Nuklearwaffen der USA befinden.

John Dear warnt vor der uns umgebenden totalen Gewalt, die ihren Ausdruck in Kriegen, Armut, Atomwaffen, der Profitgier der Unternehmen und der Umweltzerstörung findet, jedoch als völlig gesetzmäßig und normal empfunden wird. Für ihn ist Gewaltfreiheit ein Lebensmodell, eine spirituelle Praxis und eine Methode sozialen Wandels, der globalen Revolution und Transformation. In seinem Buch The Nonviolent Life spricht er von drei Geisteshaltungen für gewaltloses Verhalten: er rät, mit sich selbst Frieden zu schließen und sich allen Mitmenschen, der Schöpfung und den Geschöpfen gegenüber gewaltlos zu verhalten, sowie in globalen Basisbewegungen aktiv für Gewaltfreiheit einzutreten. Fakt ist: Zwei Drittel aller Menschen engagieren sich bereits in einer lokalen Initiative für Frieden und Gerechtigkeit und in den letzten 30 Jahren fanden 85 gewaltlose Revolutionen statt. John Dear erinnerte in diesem Zusammenhang auch an den Fall der Berliner Mauer 1989.

Er ruft die Christen dazu auf, das Volk des Evangeliums des Friedens zu sein und eine neue Welt ohne Krieg, Armut und Atomwaffen zu verkünden, um damit Söhne und Töchter des Gottes des Friedens und ihrer Berufung als Friedensstifter gerecht zu werden. Denn Jesus hat befohlen: „Liebet Eure Feinde“. Sein Tod am Kreuz drückt aus: „Hier in meinem Körper hört die Gewalt auf, Euch allen ist vergeben, aber von nun an dürft ihr nicht mehr töten“.

In der Diskussion mit den Zuhörern kritisierte John Dear, dass die USA derzeit sechs Kriege führten. Kürzlich habe die amerikanische Regierung beschlossen, eine Billion Dollar in die Modernisierung der US-Atomwaffen zu investieren. Laut den Vereinten Nationen könnte mit dieser Summe binnen zwei Wochen der gesamte Hunger in der Welt getilgt und unzählige Epidemien beendet werden.
Der ehemalige Jesuitenpater bedauerte den Rechtsdrift vieler amerikanischer Bischöfe, die sich von der republikanischen Politik vereinnahmen ließen. Frieden und Gerechtigkeit seien vielerorts in den Diözesen von der Tagesordnung gestrichen worden. Ein Großteil der Bischöfe unterstützten die kriegerischen Handlungen der USA und setzten mehr auf den Schutz durch Atomwaffen, denn auf Gottes schützende Hand. Er selbst sei wegen seines bedingungslosen Einsatzes für den Frieden mit seinem früheren Ortsbischof und seinem Jesuitenprovinzial in Konflikt geraten und erhalte regelmäßig Todesdrohungen.

Im Hinblick auf die Bedrohung durch den Islamischen Staat setzt John Dear entschieden auf aktive Gewaltlosigkeit: Gewalt als Antwort auf Gewalt sei keine Lösung; Krieg sei selbst eine Form von Terrorismus. John Dear appellierte an die gewaltlosen Bewegungen allerorts, sich zusammenzuschließen. Bei seinen Reisen nach Syrien, in den Irak und in andere kriegsgebeutelte Länder habe er festgestellt, dass es auch dort Gruppierungen gibt, die sich für Gewaltfreiheit einsetzen. Diese solle man unterstützen oder zumindest von ihnen wissen.

Um in Amerika für sein Anliegen Gehör zu finden, hat er eine neue Bewegung gegründet: „Campaign Nonviolence“. 2014 fanden 250 Demonstrationen in allen 50 US-Staaten statt – gegen Armut, Rassismus, Kriege, Drohnen, Atomwaffen, Umweltzerstörung – durch den Zusammenschluss vieler Interessensgruppen konnten zahlreiche Menschen erreicht werden. Im August 2015 ist eine große Konferenz in Santa Fe (New Mexico) geplant (Livestream auf www.paceebene.org ), sowie 500 Demonstrationen im September im ganzen Land. Für 2016 ist die Kampagne Nonviolent Cities in Vorbereitung.

Vor einigen Monaten hat John Dear unerwartet einen Briefwechsel mit Papst Franziskus begonnen. „Wer in einer Rüstungsfabrik arbeitet oder in die Waffenindustrie investiert ist ein Heuchler, wenn er sich Christ nennt“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche vergangenen Montag, 22. Juni, zu Jugendlichen bei seinem Besuch in Turin. Dieser Satz ist ein Zitat aus einem der Briefe von John Dear. Dieser kündigte für das Frühjahr 2016 ein Treffen von rund 100 Friedensarbeitern mit Vertretern des Vatikans in Rom an, das mit vielen Hoffnungen verbunden sei.

Bericht: Marion Wittine


Der Vortrag:


Diskurse zu Spiritualität der Gewaltfreiheit

John Dear: Eine Spiritualität des Widerstandes
über John Dear: Eine Spiritualität des Widerstandes - Zusammenfassung seiner Thesen

Conversation with John Dear on Envisioning a Peaceful World